Im Gespräch mit Bastian Krüger
Bastian Krüger, Staatliches Weinbauinstitut Freiburg, Referat 31, Projekt: „Etablierung von Weinen aus pilzwiderstandsfähigen Rebsorten am Markt“
Was war der konkrete Auslöser für die Initiierung des Projekts Tamino – und welchen Bedarf wollten Sie damit schließen?
Am Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg werden seit Jahrzehnten pilzwiderstandsfähige Rebsorten gezüchtet – Cabernet Cortis, Monarch, Prior, Souvignier Gris und viele mehr. Diese Sorten sind praxisreif und als Qualitätswein zugelassen. Was fehlte, war der Weg in den Markt.
Bei den weißen Sorten hat sich das über die Sortennamen von selbst entwickelt. Bei Rot funktioniert das nicht: Zwanzig unbekannte Namen mit jeweils wenigen Hektar lassen sich nicht einzeln aufbauen, und kein Betrieb pflanzt eine Sorte, für die er keinen Absatz sieht. Genau hier setzt Tamino an – nicht die Rebsorte trägt die Kommunikation, sondern ein klar definiertes Weinprofil unter einer gemeinsamen Marke. Damit begleiten wir die Züchtungsarbeit des Landes bis ins Glas.
Geben Sie gerne einen kurzen Einblick in die bisherige Entwicklung des Projekts!
Am Anfang stand 2021 die Definition des Weins: Gemeinsam mit den Erzeugern wurde festgelegt, was ein Tamino ist – eine kräftige, farbintensive Rotweincuvée mit Holzausbau, stilistisch näher an Rioja oder Barolo als an einem leichten Roten.
Markteinführung war im Dezember 2022 mit neun Betrieben aus Baden und Württemberg. Heute sind es 17 Weingüter, Genossenschaften und Kellereien. Jeder füllt seinen eigenen Tamino aus eigenen Trauben – die Marke garantiert das Profil, nicht die Gleichförmigkeit. Dass das Konzept trägt, zeigt die Bewertung von außen: Der Tamino 2022 des Staatsweinguts Freiburg erhielt 90,5 Falstaff-Punkte. Inzwischen ist die Familie gewachsen – um alkoholfreie Produkte und um einen reinsortigen Souvignier Gris Réserve, den wir im September 2026 vorstellen.
Nach welchen Kriterien werden am Projekt beteiligte Weingüter ausgewählt?
Wir prüfen den Wein, nicht den Betrieb. Verbindlich sind mindestens 85 Prozent PIWI-Rebsorten, höchstens 80 Hektoliter pro Hektar, mindestens 85 Grad Oechsle, über 12,5 Volumenprozent Alkohol und mindestens zwölf Monate Holzfassreifung. Diese Vorgaben sind in einem Lastenheft festgehalten, das den Betrieben klare Orientierung gibt – von der Traubenanlieferung bis zur Reifung. Dazu kommt meine önologische Begleitung als Berater: Wer Fragen zum Ausbau hat, muss sie nicht allein lösen.
Am Ende steht die sensorische Prüfung – und die machen die Erzeuger der Tamino-Gruppe selbst, keine externen Prüfer. Dafür gibt es ein festes Prüfschema mit acht Merkmalen: von Farbe und Farbintensität über dunkle Frucht, würzig-vegetabile Aromen und Holzeinfluss bis zu Adstringenz, Süße-Säure-Balance und Körper. Für jedes Merkmal ist ein vordefinierter Korridor festgelegt, in dem sich ein Tamino
bewegen muss. Zugelassen wird ein Wein nur, wenn bei 75 Prozent der Prüfer sämtliche Bewertungen innerhalb dieses Korridors liegen. Wer die Hürde nicht nimmt, füllt seinen Wein unter eigenem Namen ab – aber nicht als Tamino.
Welche Sorten in die Cuvée gehen, entscheidet der Winzer selbst – die Sortenverfügbarkeit ist regional sehr verschieden, und diese Freiheit ist ein Teil des Reizes.
Was ausdrücklich kein Kriterium ist: die Bewirtschaftungsform. Bio-Betriebe und schonend arbeitende konventionelle Betriebe sind gleichermaßen dabei. PIWI ist kein Öko-Sonderthema, sondern eine Option für den gesamten Weinbau.
Wie begegnen Sie den in der Branche noch bestehenden Vorbehalten gegenüber Piwi-Weinen – sei es auf Seite der Erzeuger sowie im Handel und in der Gastronomie?
Mit dem Glas. In der Gastronomie arbeiten wir konsequent über Blindverkostung – die Rebsorte kommt zur Sprache, nachdem das Urteil über den Wein gefallen ist, nicht davor. Die Erfahrung ist eindeutig: Wer einen Tamino ohne Vorwissen probiert, stellt die Sortenfrage gar nicht mehr.
Im Handel ist das Hindernis kein Geschmacksurteil, sondern die Listungslogik: Ein unbekannter Sortenname bekommt keinen Regalplatz. Eine Marke mit konstantem Profil über mehrere Jahrgänge und mehrere Erzeuger bekommt ihn. Genau deshalb gibt es Tamino.
Und für die Erzeuger gilt: Die Zurückhaltung liegt selten am Wein, sondern an der Vermarktung. Wer bei Tamino mitmacht, muss diesen Weg nicht allein gehen.
Wie bewerten Sie das Marktpotenzial von Piwi-Weinen im nationalen und internationalen Umfeld?
Die Zahlen sprechen für sich: Die PIWI-Fläche in Deutschland wuchs 2025 um zehn Prozent auf rund 4.000 Hektar – während die Gesamtrebfläche um ein Prozent zurückging. Souvignier Gris verzeichnete den größten Flächenzuwachs aller deutschen Rebsorten. Eine Kategorie, die gegen den Markttrend wächst, hat Substanz.
International öffnet sich der Rahmen spürbar. Seit 2021 dürfen resistente Neuzüchtungen auch in Weinen mit geschützter Ursprungsbezeichnung stehen – Rheinhessen hat diesen Weg als erste deutsche Region konsequent beschritten, Österreich baut seine PIWI-Fläche stetig aus. Und die Reben selbst reisen längst: Ein großer Teil des in Deutschland gezogenen Pflanzguts wird heute exportiert, allen voran nach Frankreich. Was in Freiburg gezüchtet wurde, steht inzwischen in Weinbergen weit über Baden hinaus.
Eines sagen wir dabei offen: Nachhaltigkeit allein trägt keinen Preis. Gekauft wird Qualität – und die liefern diese Weine.
Inwiefern zahlt das Projekt Tamino messbar auf Nachhaltigkeitsziele (z. B. Pflanzenschutzreduktion, CO₂-Bilanz) ein?
Der Hebel liegt im Weinberg. Wo klassische Sorten rund sieben Fungizidbehandlungen gegen Mehltau brauchen, kommen PIWIs mit zwei bis drei aus – eine Reduktion des Pflanzenschutzmitteleinsatzes um bis zu 80 Prozent. Im Bio-Betrieb sinkt der Kupfereinsatz um mehr als die Hälfte. An jeder eingesparten Überfahrt hängen zusätzlich Diesel, Bodenverdichtung, Abdrift und Spülwasser.
Eine 2026 veröffentlichte Ökobilanz-Studie beziffert das erstmals umfassend: bis zu dreifach geringere Umweltwirkungen und Einsparungen von rund 685 Euro je Hektar und Jahr.
Diese Wirkung entsteht im Weinberg – und gepflanzt wird nur, was sich verkaufen lässt. Genau dafür gibt es Tamino: Die Marke schafft den Absatz, der die Umstellung für die Betriebe wirtschaftlicher machen kann.
Welche nächsten Entwicklungsschritte sind für Tamino geplant und was sind hierbei die entscheidenden Faktoren?
Die Marke wächst über den Rotwein hinaus: alkoholfreie Produkte sind seit diesem Jahr im Sortiment, im September 2026 kommt der erste reinsortige Souvignier Gris Réserve dazu. Parallel gehen wir stärker in den Fach- und Gastronomiehandel – 2027 sind wir zum zweiten Mal mit einem Gemeinschaftsstand auf der EUROVINO vertreten.
Entscheidend sind dabei zwei Faktoren. Erstens die Menge: Ohne Volumen keine Listung, und Volumen hängt an der PIWI-Fläche der Betriebe. Zweitens die Konstanz des Profils – eine gemeinsame Marke funktioniert nur, wenn der Wein über Jahrgänge und Betriebe hinweg erkennbar bleibt. Beides ist Handwerk und braucht Zeit.
Sehen Sie Piwi langfristig als Ergänzung oder als strukturelle Alternative im deutschen Qualitätsweinbau? Welche Entwicklungen erwarten Sie hier in den nächsten fünf bis zehn Jahren?
Beides – nur zeitlich versetzt. Rebanlagen stehen 25 bis 30 Jahre, entsprechend langsam verändert sich ein Rebsortenspiegel. Für die nächsten Jahre ist PIWI eine wachsende Ergänzung; realistisch sind acht bis zwölf Prozent Flächenanteil bis Anfang der 2030er.
Zur echten Alternative wird PIWI dort, wo Pflanzenschutz schwierig ist: im Ökoweinbau, in Steillagen, in siedlungs- und gewässernahen Lagen. Dort lautet die Frage schon heute nicht mehr ob, sondern welche Sorte.
Diese Entwicklung fällt in einen Markt, der sich ohnehin verschiebt. Der Pro-Kopf-Konsum sinkt seit Jahren, jüngere Generationen trinken seltener Wein oder verzichten ganz auf Alkohol, und der demografische Wandel verstärkt beides.
Gleichzeitig kommen inzwischen deutlich mehr als die Hälfte der in Deutschland getrunkenen Weine aus dem Ausland – im ersten Halbjahr 2026 lag der Marktanteil deutscher Weine mengenmäßig bei 42,5 Prozent, bei Rotwein sogar nur bei 30 Prozent. Wer in diesem Umfeld bestehen will, braucht ein eigenes Profil statt eines weiteren austauschbaren Rotweins. Genau hier liegt die Chance: Weine mit einer Geschichte, die ein italienischer Massenwein nicht erzählen kann – regionale Herkunft, deutlich reduzierter Pflanzenschutz, eine Züchtung aus dem eigenen Land.
Entscheidend bleibt der Markt, nicht der Weinberg. Diese Weine setzen sich in dem Maß durch, in dem es gelingt, sie über Stil, Herkunft und Marke zu verkaufen statt über die Rebsorte. Genau das machen wir mit Tamino vor.
